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Die Funktionsweise eines Gezeitenkraftwerkes
Wie die Energie des fließenden Wassers des Binnenlandes kann man
auch die des bewegten Meerwassers zur Stromerzeugung nutzen. Hier wirkt
nämlich die potentielle Energie des Meerwassers
in Verbindung mit den Gezeiten, die durch die Konstellation vom Mond (+
von der Sonne) zur Erde und durch deren Bewegung ausgelöst wird.
Grundsäztlich gilt: Wenn man eine künstliche Barrierre in schmale
Meeresarme/Buchten baut, kann man den Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser
(Ebbe und Flut) zur Elektrizitätserzeugung nutzen, weil es durch seine
potentielle Energie (ein Körper hat diese Energie, wenn er nicht
auf dem Boden liegt, sondern zum Beispiel einen Meter darüber festgehalten
und dann losgelassen wird) in Bewegung gerät. Die Differenz zwischen
dem Wasserstand Ebbe und bei Flut bezeichnet man als Tidenhub oder Gezeitenhub.
Die Größe des Tidenhubs ist stark abhängig von den Küstenformen.
Sehen Sie sich zu diesem Sachverhalt folgende Seite an: Ebbe
und Flut - Die Gezeiten!
Den höchsten Tidenhub der Erde hat man in der Bay of Fundy gemessen,
einer großen trichterförmigen Meeresbucht im Nordatlantik, die zwischen
den kanadischen Provinzen New Brunswick und Nova Scotia liegt. Die Bay
of Fundy teilt sich in zwei Arme, der Chignecto Bay im Norden und
dem Minas Basin im Süden. In der tiefen Bucht können die Flutwellen,
die hier im Abstand weniger Stunden auftreten, im Inneren sehr hoch auflaufen,
so dass der Wasseranstieg bis zu 21 m betragen
kann.
Der Energiebetrag der Gezeiten auf der Erde ist unvorstellbar groß
und wird zur Zeit erst zu einem minimalen Teil durch entsprechende Energiewandler
in elektrische Energie transformiert; so schätzt man die globale
jährliche Gezeitenenergie auf ca. 22000 TWh
(22 000 000 GWh).
Beispielhaft für die Energiegewinnung aus der beschriebenen Meeresbewegung
ist das Gezeitenkraftwerk der Rance-Mündung
in Nordwestfrankreich nahe den bekannten Städten St. Malo und St. Michelle:
La Rance. Es sollen 5-10 Gezeitenkraftwerke
in der Welt existieren; eines davon in der Bay of Fundy
in Kanada (siehe oben).
Vorgang zum Erzeugen von Strom im Gezeitenkraftwerk
Animation zur Funktionsweise
hier.
In La Rance wird der enorme Tidenhub von 12 bis 18m
durch die Abtrennung eines Staubeckens vom Ozean mittels eines Wehrs genutzt.
1. Bei hohem Meeresspiegel werden die Schleusen geöffnet.
2. Das Wasser fließt in das Staubecken
und treibt dabei die Turbinen an (Stromerzeugung)
3. Der innere und äußere Wasserspiegel erreicht nach einigen
Stunden die selbe Höhe.
4. Die Schleusen werden jetzt geschlossen.
5. An der Küste sinkt der Meeresspiegel bei Eintritt der Ebbe.
6. Nach einigen Stunden wird der Tiefstand des Meeresspiegels erreicht.
7. Die Schleusen werden wieder geöffnet, das Wasser fließt
durch die Turbinen zurück ins Meer, wobei erneut Srom erzeugt wird.
8. Der Wasserspiegel in der Bucht sinkt langsam auf das Niveau des Meeres
ab.
9. Innerhalb von ca. 6 Stunden steigt das Wasser an der Küste wieder
an (Flut) und der Kreislauf beginnt von vorne
Dieser Zyklus ist ein gut berechenbarer Vorgang, da er regelmäßig
und vom Menschen unbeeinflusst stattfinden kann.
Das La Rance Kraftwerk wird auch als Pumpspeicherwerk
verwendet: überschüssige, von anderen Kraftwerken produzierte Elektrizität
wird dazu verwendet, um die Turbinen in umgekehrter Richtung drehen zu
lassen, so dass sie wie Pumpen funktionieren. Das gespeicherte Wasser
kann dann Energie bei Spitzenbedarfszeiten (Mittags, wenn zum Kochen mehr
Energie, als zu anderen Zeiten benötigt wird, zum Beispiel) wieder
abgebeben werden.
(Animation zur Funktionsweise
des Pumpspeicherkraftwerks hier)
Die Errichtung des La Rance-Kraftwerkes, das
Bauwerk
Für Karte hier klicken!
Die Bauarbeiten für das erste Gezeitenkraftwerk
der Welt begannen im Jahr 1961 in einer
Meeresbucht Nordwestfrankreichs am Golf von Saint-Malo. An einer Stelle,
an der das Flussbett 750 m breit ist, wurden zwei bogenförmige Fangdämme
in der Flussmündung errichtet. Stahlbetonzylinder mit einer Höhe von 20
bis 25 m und einem Durchmesser von 9m wurden dafür so in den Flussboden
gesetzt, dass sie den mittleren Wasserstand um 14m überragten. Diese Hohlkörper
füllte man mit tausenden Tonnen von Sand. Nach der Abdichtung der beiden
Dämme besaß man ein ellipsenförmiges Becken als Baugrube, das man leerpumpen
konnte. Hier hat man dann das Kraftwerk das in der beeindruckenden Staumauer
Platz findet, errichtet. Es nimmt 24 Turbinenaggregate
auf. Das entstandene Staubecken hat eine Oberfläche
von 22 km² und einen Nutzinhalt von 184 Mio m³.
Zwischen zwei Gezeiten werden bei großem Tidenhub 720
Mio m³ Wasser bewegt, was einem mittleren Durchfluss
von 15 000 m³/ sec entspricht; dabei wird der Betrag des Flusses
La Rance vernachlässigt.
Der Wasserfluss wird von 6 regulierbaren Schleusen
(15 x 10 m) kontrolliert.
Dieses riesige Bauwerk beinhaltet 350 000 m³ Beton mit 16 000 t Stahl
. Von dem Bauwerk sind 90 000 m² Oberfläche dem Meerwasser ausgesetzt.
Die Schleuse für die Schiffahrt hat eine Größe von 65 x 13 m. Die betonierte
Staumauer hat die Ausmaße von 390 x 53 m; ihre Mauerkrone ist als Straße
ausgebildet, welche die Orte Dinard und St. Malo
verbindet. In der Staumauer befindet sich das 332,5 m lange Maschinenhaus.
Der aufgeschüttete Damm ist 175m, das Stauwehr 115 m lang.
Der Bau kostete insgesamt ca. 12 mrd. DM und
alle drei Jahre werden etwa 12 mio. DM in die Wartung der Anlage investiert.
Der Bereitschaftsgrad beträgt über 90 % und entspricht demjenigen einer
klassischen thermischen Anlagen.
Probleme und deren Lösung
Natürlich musste man als erstes die Gesetze
der Gezeiten kennen, um die mögliche Energieausbeute errechnen
zu können. Auch musste man feststellen, ob, und wenn ja, welche Einflüsse
dieses Bauwerke auf die Gezeitenamplituden hat, also wie hoch die
Flut tatsächlich steigt, wenn ein Staudamm die natürliche Form der
Küste verändert.
Dass auch noch Probleme, wie die Höhe der Strompreise für Spitzenenergie
und für Überschußenergie, die Beschränkungen des Energiebezugs beim
Pumpen, die Wasserstandsgarantien für Schiffahrt, der Stillstand einzelner
Maschinen usw. in die Berechnung einbezogen wurden, macht für den
Außenstehenden die wahren Dimensionen der vorrausplanenden Arbeiten
und die Komplexität eines solchen Vorhabens ersichtlich.
All diese Bedingungen sind aber im Kraftwerkbetrieb an der Rance erfolgreich
eingehalten worden..
Technische Probleme gab es vor allem bei den
Abdichtungen (Simmerringe) der Wellen und dem
Abnutzen der Schaufeln durch das Salzwasser.
Die Dichtringe allein knnten das Eindringen des Wassers nicht verhindern,
deshalb erzeugte man in den Lagern noch ein Öldruck gegen das Wasser.
Außerdem gab es noch Verformungen, welche
in dieser Größenordnung zuerst unbekannt waren und durch Änderungen der
Lagerbedingungen unschädlich gemacht werden mussten. Des weiteren mussten
neuartige Kohlebürsten entwickelt werden, weil
die ursprünglichen zu schnell abschliffen.
Die größte Schwierigkeit ist jedoch der Schutz
vor Korrosionen. Die empfindlichen elektrischen Apparate wurden
in geschlossenen Schränken isoliert und Oberflächen aus normalem Baustahl,
ob sie mit Wasser in Berührung oder nicht, wurden durch Anstriche
geschützt. Zum anderen prüfte man eingehend die Materialien, woraus
resultierte, dass für besonders kritische Maschinenteile Stähle mit hohem
Chromgehalt oder Kupferlegierungen gewählt wurden. Diese nichtrostenden
Stähle bilden an der Oberfläche eine Oxydschicht, die weitere Korrosionsangriffe
verhindert. Ebenso erwiesen sich Kunststoffe
als wertvolle und korrosionsbeständige Materialien. Um die Bildung galvanischer
Ströme zu vermeiden, wurde der direkte Kontakt zwischen
Bauteilen aus verschiedenartigen Metallen, wie hoch- und niedriglegierten
Stählen oder Stahl und Kupferlegierungen, möglichst
vermieden. Einen weitereren Schutz bot der kathodische Korrosionsschutz.
Hier wird durch Abgabe von Elektronen aus einem
äußerem Stromkreis (200.000-300.000W) an die Metalloberfläche das Loslösen
von Metallionen verhindert und so die Korrosion gesteuert bzw. aufgehalten.
Elektromechanische Ausstattung
Das Kraftwerk enthält 24 Rohr-Pumpenturbinen
zu je 10 MW nominaler Leistung; je 4 Gruppen
sind zu einer Einheit zusammengefasst. Die luftgekühlten
Synchron-Generatoren geben eine Ausgangsspannung von
3,5 kV ab; sie sind direkt an die Pumpenturbinen gekuppelt und
befinden sich in einer wasserdichten Kapsel. Immer 2 Einheiten geben ihren
Strom an eine der beiden Primärspulen der drei Blocktransformatoren
ab, welche eine Ausgangsspannung von 225 kV
abgeben und eine Leistung von 80 MVA bringen.
(Das entspricht einer Leistung von 80 Windrädern der neuesten Bauart zu
je 1 MVA .)
Das Kraftwerk besitzt für den Fall eines Stromausfalls zur Energieversorgung
zwei Dieselmotoren mit 600kVA. Normalerweise
wird das Kraftwerk aber über das Kabel Dinard- St.Malo mit Strom versorgt.
Die Turbinen arbeiten bei der Füllung des Speicherbeckens bei Flut wie
auch bei der Entleerung bei Ebbe, sowie beim Einsatz als Pumpwerk. Die
Aggregate erzeugen jährlich rund 540 Mio kWh.
Kabel bringen die gewonnene elektrische Energie zu
drei Aussenstationen. Diese übernehmen die Teilversorgung der Gebiete
von Basse-Normandie, Basse-Seine und Paris, Rennes, die Region Nantes
und Brest.
Die Pumpenturbinen
Bei den Turbinen handelt es sich um Rohr-Pumpenturbinen mit horizontaler
Welle. Ihre Achse liegt 5,75m unter dem Wasserspiegel
des Staubeckens.Das Turbinenrad ist vom Typ Kaplan
und weist einen Aussendurchmesser von 5,35 m auf. Die Laufradschaufeln
sind von -5° bis +35° verstellbar und müssen
extremen Bedingungen genügen. (Die Drehzahl
bertägt 93,75 1/ min, die Durchbrenndrehzahl
260 min /1.) Die Maschinen können in 6 verschiedenen
Betriebsarten arbeiten. Sie können in Turbinen-, Pumpen- und Schiebebetrieb
arbeiten, wobei hier zu beachten ist, daß die drei Betriebsarten in beiden
Fließrichtungen arbeiten können, und so zu sechs Betriebsarten werden.
Durch diese vielen Kompromisse sind
die Wirkungsgrade, verglichen mit reinen Pumpen oder Turbinen, nicht sehr
hoch.
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